Vonovia Award für Fotografie

Vonovia Award für Fotografie Linsen
Shortlist Beste Fotoserie

Anette C. Halm

Konzept

Die Künstlerin setzt sich in ihren Arbeiten mit der Inszenierung des Weiblichen auseinander, mit Rollenbildern und auch weiblichen Protagonistinnen in Literatur und Kunstgeschichte. Sie thematisiert und überspitzt den Kitsch und die Trivialität der den Frauen übergestülpten Wunschwelt. In „Schönheitsfamilienwahn“ setzt sich die Künstlerin mit dem Mutter-Tochter-Verhältnis auseinander – dem eigenen, ganz intimen, wie auch dem allgemeinen.
Ihre Tochter ist Darstellerin/Gegenstand/Objekt ihrer Fotografien, dabei reflektiert sie das Mutter-Tochter-Thema auf sehr vielschichtige Art und Weise. Träume und Wünsche der Tochter spiegeln auf der einen Seite die vergangenen oder unerfüllt gebliebenen Träume und Wünsche der Mutter wider, reflektieren aber auch gleichzeitig die Bedürfnisse und Wünsche der Tochter und ihrer Generation, die die Künstlerin und Mutter durchaus kritisch sieht: Die Künstlerin lässt den kommerziellen Charakter diverser Fernseh- und Castingsendungen in ihre Fotoarbeiten einfließen, wie z. B. The Voice, DSDS, Germanys Next Topmodel. Jeder ist ein Star: Die Künstlerin kritisiert die Medienwelt, welche Jugendlichen die Erfüllung ihrer Wünsche, Sehnsüchte und Träume als erreichbar vorgaukelt, ihre Naivität ausnutzt und mit ihren Gefühlen spielt, um hohe Einschaltquoten zu erreichen.
Die Fotoserien in „Schönheitsfamilienwahn“ spielen an ganz unterschiedlichen Orten. Die Künstlerin lässt ihre Tochter in verschiedene Rollen schlüpfen und erkundet mittels des Körpers der Tochter die weiblichen Vorstellungs- und Wunschwelten in Anlehnung an Bildwelten der Fotografie und des Films. In den sogenannten Lost Places findet ein Reenactment vergangener Lebensschicksale literarischer oder realer Frauenfiguren statt, in Anlehnung an die Geister-Fotografie des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Darstellung dieser Frauen durch die Tochter der Künstlerin in historischer Kleidung soll diese immunisieren gegen die Hohlheit und Unwahrheit des zeitgenössischen Lifestyles.
Ein Vergleich mit der amerikanischen Künstlerin Francesca Woodman kommt einem hier in den Sinn. Die Fotografin inszenierte sich selbst und andere Frauen über viele Jahre in geisterhaften Szenerien. Die Künstlerin interessieren in diesen Porträts aber auch die ganz persönlichen Momente – die intensive Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter, dieser spezielle Augenblick beim Heranwachsen ihrer Tochter, in dem sich beide auf Augenhöhe begegnen und die Tochter plötzlich als Frau die Kunst-Welt der Mutter betritt und beide beginnen, diese zu gestalten.
Die Künstlerin arbeitet hier mit den Mitteln der Fotografie und macht sich das ihr inhärente und romantische Versprechen zu Nutze, Erinnerungen in Bildern festhalten zu können. Lifestyle-Management für Jugendliche, Body-Shaping, Selbstoptimierung und Körpernormierungen – medial vermittelt münden diese Bilder in geistige Uniformität. Die Künstlerin enttarnt diese Prozesse. In dieser Arbeit geht es um die Träume und Wünsche, die ein junger Mensch hat, die aber auch immer noch in einer Mutter aktiv sein können.
Mütter verfolgen ehrgeizig die Model- oder Schauspielkarriere ihrer Töchter und rennen dabei hinter ihren eigenen unerfüllten Wünschen her, angestachelt durch eine industrielle Traumfabrik. Mutter und Tochter arbeiten gemeinsam. Sie kombinieren wahre Ereignisse mit Fiktion. Das Model (die Tochter) versetzt sich in die Rolle einer Person der jeweiligen Geschichte. Mit entsprechendem Outfit posiert sie dann am jeweiligen Ort vor der Kamera.
Die Verkleidung (u.a. verschiedene Sonnenbrillen, Perücken und Kostüme) und die Technik der Mehrfachbelichtung bieten der Tochter einen Schutz und geben ihre Identität nicht preis. Die Künstlerin weigert sich, die Persönlichkeit ihrer Tochter und Privates aus ihrer Mutter-Tochter-Beziehung einer medialen Öffentlichkeit zu präsentieren, anders als in den Arbeiten von Irina Ionesco oder Sally Mann. Die Künstlerin erschafft so einen phantastischen Bild-Raum, in dem sich Intimität, Inszenierung und Fiktion verspielt begegnen, aber Privatheit nicht bloßgestellt wird. (Nadine Bracht & Wolfgang Berger)

Werdegang

  • Freie Fotografin

Auszeichnungen

  • 2009 Stipendium der Stiftung für Kunst und Kunsttherapie Nürtingen
  • 2011 Karin Abt-Straubinger Stiftung Förderung: Trau Dich
  • 2012 Klett-Passagen-Preis
  • 2017 Fukuoka-Stipendium 2017
  • 2017 Kunsthallen-Stipendium der Stadt Kempten (Allgäu)
  • 2018 Karin Abt-Straubinger Stiftung Förderung: Schönheitsfamilienwahn
  • 2019 Projektförderung durch das Kulturamt der Stadt Stuttgart
  • 2019 Katalogförderung / Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg